Takelage eines Großseglers


Takelage der Kruzenshtern ex Padua

In der spröden Sprache der Lexika-Autoren ist die Takelage eine "Vorrichtung zum Anbringen und Handhaben der Segel auf einem Schiff". Die beiden gängigen Takelarten sind Rahtakelung, bei der die Segel vereinfacht gesagt in ihrer senkrechten Mittelachse um den Mast gedreht werden, und Gaffeltakelung, bei der Mast und einer der beiden senkrechten Ränder des Segels die Drehachse bilden. Die Gaffeltakelung ist bei Segelmanövern leichter zu bedienen und deshalb zweckmäßiger für kleinere Schiffe.

Nach den verschiedenen Takelungen werden Großsegler bezeichnet. Die Sache wird dadurch kompliziert, dass nicht alle Masten eines Schiffes gleichmäßig getakelt sein müssen. Hat beispielsweise ein Viermaster ausschließlich rahgetakelte Masten, dann nennt man ihn Vollschiff oder Fregattschiff. Bei der "Passat" sind nur die drei vorderen Masten rahgetakelt, der hintere hat Gaffelsegel. Man spricht in diesem Fall von einer Bark.

Für die Bezeichnung der Masten gibt es festes Schema. Der vorderste trägt den Namen Fockmast, ihm folgen Großmast, Kreuzmast und Besanmast. Bei einem größeren Schiff, etwa bei dem fünfmastigen Laeisz-Segler "Potosi" oder der "Preussen", stand zwischen Kreuzmast und Besanmast noch ein "Achtermast" und in seinem vorderen Teil der "Bugspriet" mit dem "Klüverbaum".

Preussen
Fünfmastvollschiff "PREUSSEN"

     

 

An jedem der vorderen, rahgetakelten Masten führte die "Passat" sechs Segel. Die Bezeichnung der Segel sind auf den ersten Blick etwas verwirrend. Nehmen wir nur den Großmast. Wer kann schon ohne weiteres das "Großoberbramsegel" vom "oberen Großbramsegel" unterscheiden? Das erste steht unterhalb der Mastspitze, das zweite darunter. Der Einfachheit halber nennen die Seeleute diese beiden höchsten Segel auch Royals. Die beiden mittleren heißen Bramsegel, und die größten am unteren Drittel des Mastes tragen die Bezeichnung Marssegel. Das gilt durchgehend für alle Segel an rahgetakelten Masten. Um sich genau verständigen zu können, muß jeweils der Name des Mastes hinzugefügt werden, also "oberes Kreuzmarssegel", "oberes Großmarssegel" oder "oberes Vormarssegel".

Segelmacherei eines Flying-P-Liners

Aber wir hätten es nicht mit der christlichen Seefahrt zu tun, wenn es nicht einige bemerkenswerte Ausnahmen von der Regel gäbe. Und weil zumindest zwei der aus dem Rahmen fallenden Segelbezeichnungen dem Laien geläufig sind, sollen sie erwähnt werden: das untere Segel am Fockmast heißt schlicht "Fock", das am Großmast "Großsegel" und das am Kreuzmast aus unerfindlichen Gründen "Bagiensegel".
Bleibt noch der bescheidene Besanmast, der letzte in der Reihe. Bei ihm ist die Sache verhältnismäßig einfach: die "Passat" hatte einen Unterbesan, einen Oberbesan und das Besan-Topsegel.

Um nichts zu unterschlagen - auch wenn es unseren kleinen Exkurs etwas kompliziert macht - müssen wir noch einen Blick auf jene nicht allzu großen dreieckigen Segel werfen, die in Längsrichtung zwischen den Masten gespannt werden. Sie tragen die Bezeichnung Stagsegel und dienen der besseren Manövrierfähigkeit des Schiffes.

Das Tauwerk der Takelage wird nach "stehendem" und "laufendem Gut" unterschieden, also nach festen und beweglichen Teilen. Das feste Gut besteht aus Stahldraht und gibt der Takelage der erforderlichen Halt. Zu ihm gehören die Wanten, Stagen und Pardunen. Die Wanten haben die Masten seitlich abzustützen und dienen den Matrosen zum Aufentern in den Mast. Sie verlaufen fächerförmig von der Bordwand zum Mast und sind durch dünne Leinen zu festen "Strickleitern" verbunden. Die Stagen (Einzahl: das Stag) geben den Masten Stabilität in der Längsrichtung, Pardunen dienen der Abstützung nach achtern.

im Mast

Die Takelage eines Großseglers zu verstehen, erfordert ein ganzes Seefahrerleben. Um die Geheimnisse der vielen tausend Meter Tauwerk zu ergründen, das sichere Gefühl für die Wechselwirkung physikalischer Kräfte zu entwickeln, verlangt viel mehr: den Mut, bei Sturm selbst einmal in die Wanten geklettert zu sein.


Für die Handelsschifffahrt war die "Passat" das letzte Segelschulschiff. Der Verzicht auf diese harte, aber von vielen erfahrenen Seeleuten für unverzichtbar erklärte Grundausbildung, die den jungen Seemann mit den Gewalten der Natur vertraut machen und ihm das Gefühl für die auf See lebensnotwendige Kameradschaft vermitteln soll, hat in erster Linie finanzielle Gründe.

So bleibt denn dem seemännischen Nachwuchs das Wissen um die Geheimnisse der Takelage weitgehend verborgen, und er kann es sich ersparen, Vokabeln wie "Kreuzoberbrambraß", "Voroberbrampardunen" und "oberes Besanstengestag" zu lernen. Über den Daumen gerechnet, gibt es 170 derartige Begriffe, die bei einer Fünfmastbark einzelne Teile der Takelage bezeichnen.

Bei einem Viermaster wie der "Passat" sind es ein paar weniger, aber immer noch genug, um in Verwirrung zu geraten.

Im Idealfall ist die Takelage so berechnet, dass der Segler eine geringe Luvgierigkeit behält. Bei Kreuzen gegen den Wind folgt es dann dem Ruder am besten ist damit leichter zu steuern.

Spleissen eines Taues
Abb.: Spleissen eines Taues

Die Takelage eines Windjammers ist alles andere als pflegeleicht. Seewind und Salzwasser greifen das stehenden und laufende Gut stark an, und so müssen besonders die Drahtseile vor den zerstörerischen Gefahren der Korrosion geschützt werden. Sie gut zu "verpacken", ist die sicherste Methode. Das klingt einfacher, als es in der Praxis ist. Zunächst müssen die Drahtseile vorbereitet werden. Früher wurden sie dazu mit Mennige oder Zinkweiß bestrichen. Auf See, wo sich die Mannschaft oft mit Provisorien behelfen musste, nahm man auch schon mal Tran. Der allerdings bald ranzig wurde. Heute verwenden die Takelmeister säurefreies Öl, meistens Leinöl, aber auch Vaseline und Schmierfett.

Dann werden die Rillen zwischen den Kardeelen - das sind die einzelnen zu einem Kabeltau gedrehten Stränge - mit Hanfgarn ausgefüllt. Das Tau erhält dadurch eine glattere Oberfläche und außerdem werden die Kanäle verschlossen, in denen sich Feuchtigkeit sammeln könnte. "Trensen" nennt der Fachmann diese Arbeit.

Damit aber ist es noch nicht getan. Die Drahtseile müssen "gesmartet" werden. Sie bekommen dabei eine Art Unterwäsche angepasst: man schneidet Sackleinen oder altes Segeltuch in etwa zehn Zentimeter breite Streifen und wickelt sie um das Drahtseil. Das ganze wird dann zur Konservierung mit Kienteer durchtränkt.

Jetzt erst bekommt das Tau seine Außenhaut. Es wird mit Garn umwickelt, "bekleidet", oder, wie es der Seemann nennt, gekleedet. Nach alter Seemannsart benutzt man dazu auch heute noch eine Kleedkeule, auf die das Garn aufgewickelt ist. Die Keule wird "Törn um Törn" um das Drahttau herum bewegt, je nach Bedarf dicht oder weniger dicht, mit großer Spannung oder etwas loser.

Das Garn, mit dem das Tauwerk gekleedet wird, heißt übrigens Seemannsgarn. Das gibt es also tatsächlich. Nicht nur als geflügeltes Wort in den meistens nicht ganz wahren Geschichten der alten Seebären.